IKF – Institut für Kommunikation & Führung

Apps bauen als Nicht-IT-ler: Warum Claude Code eigentlich anders heissen müsste

Porträt von Yannick Treichel, MAS MBA

Yannick Treichel, MAS MBA

Studienleitung CAS AI Hands-On · Aktualisiert am 01.08.2026

Ein Praxisbericht – und ein Blick in den Kurstag «Coding with AI» des CAS AI Hands-On.

«Claude Code müsste eigentlich besser Claude Apps heissen. Denn da steckt der Nutzen.»

Diesen Satz sage ich in letzter Zeit oft – und er löst verlässlich zwei Reaktionen aus. Die einen nicken, weil sie es selbst erlebt haben. Die anderen schauen skeptisch: Code? Ich? Ich habe noch nie programmiert. Genau für die zweite Gruppe ist dieser Artikel.

Denn hier liegt ein Missverständnis vor, das gerade viele Menschen von einer der grössten Produktivitätschancen ihres Berufslebens abhält: Der Name «Claude Code»1 (und ähnlich «Codex» oder «GitHub Copilot») suggeriert, es gehe um Programmieren. Tut es aber nicht mehr. Es geht um Apps – um Software, die genau das tut, was Sie brauchen. Der Code ist nur noch das Material, aus dem sie besteht. Und dieses Material müssen Sie so wenig verstehen wie die Statik Ihres Bürogebäudes, um darin zu arbeiten.

Die eigentliche Verschiebung

Jahrzehntelang war die Gleichung klar: Wer Software will, braucht jemanden, der programmieren kann. Diese Fähigkeit war der Engpass – teuer, knapp, langsam. Diese Gleichung gilt nicht mehr. Der Engpass hat sich verschoben, und zwar zu drei Dingen, die mit klassischem Programmieren wenig zu tun haben:

Erstens: gute Ideen haben. Zu erkennen, wo im eigenen Arbeitsalltag ein Werkzeug fehlt. Das klingt banal, ist aber eine echte Kompetenz – die meisten von uns haben gelernt, Umständlichkeiten zu ertragen, statt sie zu benennen.

Zweitens: Ideen in klare Anforderungen übersetzen. Präzise beschreiben, was das Werkzeug tun soll, wie es sich verhalten soll, was es nicht tun soll. Wer sauber denken und formulieren kann, bringt hierfür bessere Voraussetzungen mit als manche Person mit Informatikstudium.

Drittens: das Handwerk. KI-Coding-Agenten wie Claude Code richtig bedienen – wissen, wie man instruiert, testet, nachjustiert. Das ist lernbar, und zwar erstaunlich schnell.

Der Code selbst? Entsteht im Hintergrund. Für die meisten Menschen müsste er gar nicht mehr sichtbar sein – sie könnten damit ohnehin wenig anfangen. Und das ist völlig in Ordnung. Entscheidend ist, was die App tut, nicht wie sie innen aussieht.

«Vibe Coding»: Das Wort für diese neue Art zu arbeiten

Für dieses Arbeiten gibt es inzwischen einen Namen: Vibe Coding. Geprägt hat ihn der KI-Pionier Andrej Karpathy – gemeint ist Programmieren per Beschreibung: Sie sagen in normaler Sprache, was Sie wollen, die KI schreibt den Code, Sie prüfen das Ergebnis und steuern nach. Der Begriff hat es 2025 bis zum «Word of the Year» des Collins Dictionary gebracht2 – ein gutes Zeichen dafür, dass hier nicht ein Nischen-Hobby entsteht, sondern eine Grundfertigkeit.

Man kann über das Wort schmunzeln («programmieren nach Gefühl»). Aber es beschreibt präzise, was sich verändert hat: Die Hürde ist nicht mehr die Syntax, sondern die Klarheit der eigenen Gedanken.

Zehn Minuten für ein Problem, das mich jahrelang genervt hat

Ein Beispiel aus meinem eigenen Alltag. Vor einigen Wochen brauchte ich ein PowerPoint-Plugin, das jede Folie mit einer geschätzten Dauer versehen kann – um das Timing in Workshops sauber zu planen. Bis dahin hatte ich diese Zeiten in den Präsentationsnotizen gepflegt. Das Problem: Sobald Folien ausgeblendet, verschoben oder ergänzt werden, stimmt die Rechnung nicht mehr, und man muss von Hand über alles drüber. Wer regelmässig Workshops hält, kennt diese Sorte Dauerärgernis.

Die Lösung entstand in zwei Mal fünf Minuten Arbeit:

Fünf Minuten Denken: Klar umreissen, was ich will und wie es funktionieren soll. Jede Folie bekommt eine Dauer, das Plugin summiert automatisch, zeigt die Gesamtzeit an und rechnet bei jeder Änderung neu.

Fünf Minuten Prüfen: Die erste funktionierende Version testen, Anpassungen und Ergänzungen einfordern.

Screenshot des selbst gebauten PowerPoint-Add-ins: Folien mit geschätzter Dauer und automatisch summierter Gesamtzeit
Das Resultat aus zehn Minuten Vibe Coding: ein PowerPoint-Add-in, das Foliendauern erfasst und das Workshop-Timing automatisch nachführt.

Danach war es fertig. Das Problem ist seither für immer abgehakt. Und nein, das war kein Glückstreffer: Auf diese Weise habe ich inzwischen Dutzende kleiner Apps gebaut – für mich und für andere. Werkzeuge, die es so nicht zu kaufen gibt, weil sie zu spezifisch sind, um für einen Softwareanbieter interessant zu sein. Genau darin liegt der Witz: Die wertvollsten Apps sind oft die, die nur für Sie Sinn ergeben.

Was das für Sie bedeutet

Der Punkt ist nicht, dass ich das kann. Der Punkt ist, dass es fast alle können – wenn sie sich davon nicht abschrecken lassen, dass irgendwo im Hintergrund Code entsteht. Was es braucht, ist eine Beschäftigung in angemessener Tiefe. Und die beginnt nicht mit einem Lehrbuch, sondern mit einigen Stunden Exploration und Spass: ausprobieren, staunen, das nächste Dauerärgernis aus dem eigenen Alltag anpacken.

Das Resultat dieser Beschäftigung ist bemerkenswert: Sie können nahezu jede Software, die Sie sich wünschen, in Windeseile erstellen lassen. Ich formuliere das bewusst vorsichtig und meine es trotzdem gross: Mir ist kein anderer Hebel bekannt, mit dem sich in so kurzer Zeit so viel konkreter Nutzen stiften lässt – für die eigene Arbeit, das eigene Team, die eigene Organisation.

Natürlich gibt es Grenzen. Unternehmenskritische Systeme mit sensiblen Daten, Software für Tausende von Nutzenden, Sicherheitsfragen – da hört der Selbstbau auf, und Professionalität im klassischen Sinn beginnt. Aber die riesige Kategorie dazwischen – persönliche Werkzeuge, Team-Helfer, Prototypen, Automatisierungen – gehört jetzt Ihnen.

Warum es gemeinsam schneller geht

Kann man sich das alles mit YouTube und Tutorials beibringen? Ja, durchaus – die Einstiegshürde ist so niedrig wie nie. Aber es geht schneller, effektiver und vor allem mit deutlich mehr Freude gemeinsam, mit Menschen, die einen durch die entscheidenden ersten Schritte führen: die einem zeigen, wie man Anforderungen formuliert, woran man merkt, dass die KI in die falsche Richtung läuft, und wie man aus einem ersten Wurf ein verlässliches Werkzeug macht.

Genau das tun wir im CAS AI Hands-On: Am Kurstag «Coding with AI» erleben die Teilnehmenden Vibe Coding in der Praxis – und bauen selbst eine Anwendung, testen sie und bauen sie aus. Ausdrücklich auch dann, wenn sie noch nie eine einzige Zeile Code gesehen haben. Erfahrungsgemäss ist es einer der Tage, an denen am meisten gelacht und am meisten gestaunt wird – oft im selben Moment.

Teilnehmende des CAS AI Hands-On arbeiten gemeinsam an ihren Anwendungen
Aus dem Kurs: gemeinsames Bauen, Testen und Staunen am Kurstag «Coding with AI».

Probieren Sie es aus

Mein Vorschlag für diese Woche: Notieren Sie ein Dauerärgernis aus Ihrem Arbeitsalltag – etwas, das Sie regelmässig von Hand erledigen und das sich anfühlt, als müsste es ein Werkzeug dafür geben. Beschreiben Sie in fünf Sätzen, was dieses Werkzeug tun soll. Mehr braucht es für den Anfang nicht.

Denn die eigentliche Erkenntnis dieses Artikels ist keine technische, sondern eine über Möglichkeiten: Die Frage ist nicht mehr «Kann ich das bauen?», sondern «Was will ich gebaut haben?». Und diese Frage kann niemand besser beantworten als Sie selbst.

Quellen

  1. Claude Code – AI Coding AgentAnthropic, https://claude.com/product/claude-code
  2. «Vibe coding» named Collins Dictionary's Word of the YearCNN, https://www.cnn.com/2025/11/06/tech/vibe-coding-collins-word-year-scli-intl