IKF – Institut für Kommunikation & Führung

KI-Strategieentwicklung: Das 50x AI Backcasting Framework

Porträt von Yannick Treichel, MAS MBA

Yannick Treichel, MAS MBA

Studienleitung CAS Chief AI Officer · Aktualisiert am 16.08.2026

Zu diesem Artikel gibt es ein interaktives Canvas mit KI-Unterstützung für die Erarbeitung – kostenlos, mit direktem PDF-Export. Zum Canvas ↓

Die meisten Unternehmen beschäftigen sich inzwischen mit KI: Sie testen Chatbots, automatisieren einzelne Prozesse, führen Copilots ein und schulen Mitarbeitende. Das ist sinnvoll. Aber es ist noch keine KI-Strategie. Denn die strategisch entscheidende Frage lautet nicht: «Was können wir heute mit KI automatisieren?» Sondern:

«Wie muss unser Unternehmen funktionieren, wenn KI in drei bis fünf Jahren um Grössenordnungen leistungsfähiger ist als heute?»

Nicht 20 Prozent besser. Nicht ein bisschen schneller. Sondern so viel leistungsfähiger, günstiger und autonomer, dass sich Märkte, Geschäftsmodelle, Kundenerwartungen und Organisationsstrukturen fundamental verändern können. Genau dafür habe ich das 50x AI Backcasting Framework entwickelt.

Was ist 50x AI Backcasting?

Der Begriff leistet die halbe Arbeit. Klassische Planung extrapoliert nach vorne: Wir starten heute und fragen, was wir nächstes Jahr verbessern können. Das ist Forecasting. Backcasting dreht die Richtung um: Man definiert zuerst einen Zukunftszustand – und arbeitet dann rückwärts bis heute, mit der Frage, was passiert sein muss, damit diese Zukunft Realität wird. Das Framework verbindet diese etablierte Strategiemethode mit einem KI-spezifischen Gedankenexperiment: Wir nehmen eine Zukunft an, in der KI um Grössenordnungen leistungsfähiger ist als heute, simulieren einen AI-native Angreifer auf das eigene Geschäftsmodell, entwerfen das eigene Unternehmen für diese Zukunft neu – und leiten daraus rückwärts die Entscheidungen ab, die heute sinnvoll sind. Fünf Schritte:

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Das Ziel ist nicht, die Zukunft korrekt vorherzusagen. Das Ziel ist, heute bessere strategische Entscheidungen zu treffen. Behalten Sie diese Unterscheidung im Kopf – die ganze Methode steht darauf.

Schritt 1 – Cast: Die 50x-Zukunft entwerfen

Der Einstieg ist eine bewusst radikale Annahme: Wir befinden uns drei bis fünf Jahre in der Zukunft, und KI ist ungefähr 50-mal leistungsfähiger als heute. Die Zahl 50 ist keine Prognose, sondern ein Denkwerkzeug. Wer nur annimmt, dass KI 20 oder 30 Prozent besser wird, landet fast automatisch bei inkrementellen Optimierungen: schnellere E-Mails, bessere Zusammenfassungen. Strategisches Denken beginnt dort, wo wir die heutige Organisation nicht mehr als gegeben betrachten.

Betrachten Sie Ihr Unternehmen in dieser Welt durch fünf Linsen: Kunden (was wird selbstverständlich?), Angebot (was bleibt wertvoll, was verschwindet?), Prozesse (welche würde man gar nicht erst bauen?), Organisation (wo arbeiten Menschen, KI-Agenten und Systeme zusammen?) und Geschäftsmodell (wofür wird überhaupt noch bezahlt?). So entsteht ein erstes Zukunftsbild – nicht als Vorhersage, sondern als strategische Arbeitshypothese.

Schritt 2 – Attack: Der gefährlichste AI-native Challenger

Jetzt wechseln Sie die Perspektive. Stellen Sie sich vor, morgen tritt ein neues Unternehmen in Ihren Markt ein: sehr gutes Team, ausreichend Kapital – und vor allem ohne Legacy. Keine historischen Prozesse, keine veralteten Systeme, keine «Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht»-Mentalität. Die Frage lautet: Wie würde dieses Unternehmen versuchen, Ihnen den Rang abzulaufen?

Ein AI-native Wettbewerber würde Ihre Prozesse nicht etwas effizienter machen – er würde Teile davon komplett eliminieren. Er fragt nicht «Wie automatisieren wir diesen Prozess?», sondern: «Warum existiert dieser Prozess überhaupt?» Und die eine Frage, die strategisch wertvoller ist als hundert KI-Use-Cases: Wenn ich heute meinen eigenen Markt angreifen wollte – wo würde ich anfangen?

Schritt 3 – Reinvent: Das eigene Unternehmen neu bauen

Nach dem Angriff drehen Sie die Perspektive erneut: Wenn wir heute noch einmal von vorne beginnen könnten – wie würden wir unser Unternehmen für diese Zukunft bauen? Vergessen Sie für einen Moment Organigramm, Rollen und Tools. Vielleicht besteht die zukünftige Organisation aus 80 Menschen und hunderten spezialisierten KI-Agenten statt aus 200 Menschen. Vielleicht verkaufen Sie künftig Ergebnisse statt Beratungsstunden.

Die wichtigste Frage dieses Schritts: Was bleibt unser Wettbewerbsvorteil, wenn Intelligenz selbst kein knappes Gut mehr ist? Mögliche Antworten: proprietäre Daten, Kundenbeziehungen, Vertrauen, Marke, Distribution, regulatorische Zulassungen, physische Infrastruktur. Damit verschiebt sich die Diskussion – weg von «Wo können wir KI einsetzen?», hin zu «Welche Fähigkeiten müssen wir aufbauen, um relevant zu bleiben?»

Schritt 4 – Backcast: Von der Zukunft bis heute zurückdenken

Jetzt beginnt das eigentliche Backcasting – nicht heute → nächstes Jahr → irgendwann, sondern Zukunft → drei Jahre → zwölf Monate → 90 Tage → heute: In drei Jahren: Welche Fähigkeiten, Produkte und Prozesse müssen bereits funktionieren? In zwölf Monaten: Welche grossen Initiativen müssen laufen? In 90 Tagen: Welche Experimente testen die wichtigsten Annahmen? Heute: Welche Entscheidung treffen wir jetzt?

So wird aus einem abstrakten Szenario eine konkrete Roadmap. Genau hier liegt der Unterschied zwischen Zukunftsdenken und Zukunftsromantik: Eine Vision ist erst dann strategisch relevant, wenn sie Konsequenzen für Entscheidungen in der Gegenwart hat.

Schritt 5 – Recast: Die Zukunft aktualisieren

Die Welt wird sich anders entwickeln als Ihr Szenario – vielleicht schneller, vielleicht langsamer. Deshalb ist 50x AI Backcasting keine einmalige Strategieübung. Überprüfen Sie das Szenario alle drei bis sechs Monate: Welche Annahmen stimmen noch? Welche neuen Technologien und Wettbewerber sind relevant? Was zeigen unsere eigenen Experimente? Dann wird das Zukunftsbild angepasst – und erneut zurückgedacht. Strategie wird so nicht zum starren Fünfjahresplan, sondern zu einem kontinuierlichen Lern- und Anpassungsprozess.

«Aber niemand kann die KI-Zukunft vorhersagen»

Stimmt – die 50x-Annahme kann falsch sein, zu aggressiv oder sogar zu konservativ. Aber die Alternative zu einer möglicherweise falschen Annahme ist nicht perfekte Gewissheit. Die Alternative ist meistens, gar keine explizite Annahme zu treffen – und alle Entscheidungen aus der heutigen Realität abzuleiten. Gerade in einer Phase sehr schneller technologischer Entwicklung ist das gefährlich. Besser: mit einer plausiblen Arbeitshypothese handeln, sie transparent machen und regelmässig überprüfen.

Das ganze Framework auf einer Seite

Für einen ersten Management-Workshop passt das gesamte Framework auf ein einziges Blatt: fünf Spalten, ein halber Tag, pro Spalte ein definierter Output – von den fünf zentralen Marktveränderungen (Cast) über die gefährlichsten Angriffe (Attack) und die notwendigen Veränderungen (Reinvent) bis zum Pfad zurück ins Heute (Backcast) und den aktualisierten Annahmen für die nächste Runde (Recast).

Das 50x AI Backcasting Canvas: fünf Spalten für Cast, Attack, Reinvent, Backcast und Recast mit Leitfragen und Notizfeldern
Das 50x AI Backcasting Canvas – das ganze Framework auf einer Seite, bereit für einen ersten Management-Workshop.

Die wichtigste Frage für Führungskräfte

KI-Strategie sollte nicht mit einem Tool beginnen. Sie sollte mit drei Fragen beginnen: Wenn extrem leistungsfähige KI in drei bis fünf Jahren selbstverständlich ist – welches Unternehmen würden wir heute bauen, wenn wir noch einmal von vorne beginnen könnten? Dann: Wie würde ein AI-native Wettbewerber versuchen, uns zu verdrängen? Und schliesslich: Was davon können wir bereits heute beginnen? Es geht nicht darum, die Zukunft richtig vorherzusagen – sondern ein Unternehmen zu schaffen, das nicht darauf angewiesen ist, dass die Zukunft genauso aussieht wie heute.

The goal isn’t to predict the future. It’s to make better decisions today.

Und wenn das Zukunftsbild steht: Wie Sie daraus eine vollständige KI-Strategie mit Use-Case-Portfolio, Governance und Roadmap entwickeln, zeigt unser Beitrag «Wie entwickelt man eine KI-Strategie?».