IKF – Institut für Kommunikation & Führung

Zu viele KI-Ideen: Wie Sie die richtigen Use-Cases zuerst angehen

Porträt von Dr. Harry Witzthum

Dr. Harry Witzthum

Co-Studienleitung CAS KI-Transformation · Aktualisiert am 19.08.2026

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Warum zu viele Use-Cases ein grösseres Problem sind als zu wenige – und wie Sie mit vier Schritten und einer einfachen Wert-/Machbarkeits-Matrix die richtigen zuerst angehen.

«Wir haben kein Ideen-Problem, wir haben ein Auswahl-Problem.» So bringt es eine Geschäftsführerin auf den Punkt, und sie ist damit nicht allein. Sobald KI im Haus ein Thema wird, sammeln sich die Vorschläge: hier ein Chatbot, dort eine Auswertung, da eine Automatisierung. Die Liste wird länger, die Richtung unklarer.

Das ist kein Luxusproblem. Wer alles gleichzeitig ein bisschen anfängt, bindet Budget, ermüdet die Mannschaft und hat am Ende viele Piloten, aber wenig Wirkung. Laut der KI-Studie 2026 von Colombus Consulting, Oracle und der Genfer Hochschule für Wirtschaft stecken 69 Prozent der Schweizer Unternehmen bei KI-Agenten noch in der Experimentierphase.1 Gute Priorisierung spart Kosten, verbessert den Lerneffekt und steigert den Nutzen – schlechte tut das Gegenteil. Dieser Text zeigt ein einfaches Werkzeug dafür, in vier Schritten, und wo es an seine Grenze kommt. Ganz ohne Kurs.

Was ist die Wert-/Machbarkeits-Matrix?

«Die Wert-/Machbarkeits-Matrix ordnet jeden Use-Case nach zwei Fragen: Wie viel bringt er (Wert)? Und wie leicht ist er umzusetzen (Machbarkeit)? Aus den beiden Antworten entsteht ein Feld, das die Reihenfolge vorschlägt.»

Zwei Elemente machen das Werkzeug stark. Erstens die Trennung der beiden Fragen. Wert und Machbarkeit werden gern vermischt: Ein Vorhaben klingt beeindruckend und gilt deshalb als wichtig, obwohl niemand weiss, ob die Daten dafür überhaupt vorhanden sind. Die Matrix zwingt dazu, beides getrennt zu beurteilen. Nicht das beeindruckendste Vorhaben gehört nach vorn, sondern das mit dem besten Verhältnis aus Wert und Machbarkeit.

Zweitens die vier Felder, die daraus entstehen. Oben rechts, bei hohem Wert und hoher Machbarkeit, liegen die Quick Wins – dort beginnt man. Oben links die strategischen Wetten: viel Wert, aber schwer umzusetzen; sie gehören auf die Roadmap, nicht in die erste Woche. Unten rechts die Füll-Aufgaben: leicht gemacht, aber wenig Wert. Und unten links, was man vorerst zurückstellt.

Jedes Feld schlägt eine andere Behandlung vor, und genau das ist der Nutzen: Die Matrix beantwortet nicht nur, was zuerst kommt, sondern auch, was bewusst warten darf. Die Gewichtung von 0,6 zu 0,4, mit der das Tool Wert und Machbarkeit später verrechnet, ist dabei keine Naturkonstante, sondern ein Denkwerkzeug – wer den Wert höher gewichten will, verschiebt sie.

So priorisieren Sie in vier Schritten

Am besten folgen Sie den Schritten an einem durchgehenden Beispiel. Nehmen wir ein Beratungs- und Treuhandbüro – die Logik überträgt sich auf fast jede Branche.

Schritt 1 – Sammeln: alle Kandidaten auf den Tisch

Tragen Sie zunächst alle Use-Cases zusammen, ohne zu werten. Im Treuhandbüro sind das etwa: ein Assistent für Offert-Entwürfe, eine automatische Auswertung von Kundendaten, die Zusammenfassung von Sitzungsprotokollen, ein Chatbot für wiederkehrende Mandantenfragen und eine Vorprüfung eingehender Rechnungen. Vier bis zehn Kandidaten sind ein guter Rahmen; darunter lohnt sich der Aufwand kaum, darüber verliert die Runde den Überblick. Sammeln heisst hier ausdrücklich, noch nicht zu urteilen: Wer schon beim Aufschreiben aussortiert, verliert die überraschenden Fälle. Das Ergebnis dieses Schritts ist eine vollständige Liste – noch ungeordnet, aber sichtbar.

Schritt 2 – Schärfen: für wen, welcher Nutzen

Beschreiben Sie zu jedem Kandidaten kurz, wem er hilft: Welche Aufgabe soll leichter werden, welches Problem drückt heute, welcher Gewinn wäre spürbar? Diese Nutzenfrage klärt oft schon die halbe Bewertung. Der Offert-Assistent etwa spart der Mandatsleiterin ein bis zwei Stunden je Angebot – ein konkreter Gewinn, den man später gegen den Aufwand halten kann. Beim Mandanten-Chatbot dagegen zeigt sich beim Schärfen rasch, dass die häufigsten Fragen gar nicht so zahlreich sind wie gedacht: Der Nutzen schrumpft, sobald man ihn ausspricht. Genau dafür ist dieser Schritt da – er entlarvt die Ideen, die nur laut, aber nicht wertvoll sind.

Schritt 3 – Bewerten: Wert und Machbarkeit getrennt

Bewerten Sie nun jeden Fall auf beiden Achsen, je von eins bis fünf. Beim Wert zählen strategischer Beitrag, Nutzen, Dringlichkeit und Reichweite. Bei der Machbarkeit die Datenlage, die technische Reife, der Umsetzungsaufwand und – besonders wichtig – Risiko und Compliance. Entscheidend ist nicht, was beeindruckt, sondern was sich belegen lässt. Die Auswertung von Kundendaten mag wertvoll sein; wenn die Datenqualität schlecht ist und der Datenschutz ungeklärt, bleibt die Machbarkeit tief, und der Fall wandert trotz hohem Wert nach hinten. Der Offert-Assistent dagegen erreicht bei beiden Achsen gute Werte, weil die Textbausteine längst vorhanden sind. So werden aus Meinungen vergleichbare Zahlen.

Schritt 4 – Einordnen: Matrix lesen, Shortlist wählen

Tragen Sie die Fälle in die Matrix ein und lesen Sie ab, was oben rechts liegt. Wählen Sie daraus drei bis vier für die Umsetzung – mehr nicht, denn Fokus schlägt Breite. Im Beispiel setzt sich der Offert-Assistent als Quick Win an die Spitze, die Protokoll-Zusammenfassung folgt, und die Datenauswertung wandert als strategische Wette auf die Roadmap, wo sie nach dem Datenthema wieder aufgenommen wird. Der Chatbot landet unten und darf warten. Das Ergebnis dieses Schritts ist eine begründete Shortlist – nicht das Bauchgefühl der lautesten Stimme im Raum. Und weil die Reihenfolge nachvollziehbar entstand, trägt sie auch, wenn später jemand nachfragt.

Wo die Matrix an ihre Grenze kommt

Ein Werkzeug ist nur so gut wie sein Gebrauch – und die Matrix hat drei Schwächen, die man kennen sollte. Erstens verdeckt ein Durchschnitt die Ausreisser. Ein Fall mit lauter Vieren, aber einer Eins bei der Datenverfügbarkeit, sieht auf dem Papier solide aus und ist trotzdem blockiert. Solche Blocker gehören gesondert geklärt, nicht weggemittelt; das Tool markiert sie deshalb rot.

Zweitens ist die Bewertung eine Schätzung, keine Messung. Sie ordnet und schärft das Gespräch, aber sie ersetzt es nicht. Wer die Zahlen für objektiv hält, hat das Werkzeug missverstanden. Die Matrix schafft nicht Objektivität, sondern ein besseres Gespräch – der Wert liegt im gemeinsamen Ringen um die Einschätzung, nicht in der zweiten Nachkommastelle.

Und drittens braucht nicht jede Organisation dieses Werkzeug. Wer ohnehin nur zwei Kandidaten hat, priorisiert sie in fünf Minuten im Gespräch und spart sich das Raster. Die Matrix lohnt sich ab dem Punkt, an dem die Liste unübersichtlich wird – vorher ist sie Aufwand ohne Ertrag. Und sie ersetzt keine Strategie: Sie hilft, aus vorhandenen Ideen zu wählen, aber sie erzeugt keine neuen. Wo die richtige Idee noch fehlt, ist das Sammeln wichtiger als das Sortieren.

Das Werkzeug zum Ausprobieren

Damit Sie nicht bei der Theorie bleiben, gibt es die Matrix als interaktives Tool. Sie tragen Ihre Use-Cases ein, bewerten Wert und Machbarkeit, und das Diagramm entsteht live – samt Rangliste, Blocker-Hinweisen und einer Shortlist zum Bestätigen. Es rechnet nichts hinter Ihrem Rücken: Jede Zahl bleibt sichtbar und veränderbar, und offen gelassene Kriterien fliessen bewusst nicht ein. Am Ende kopieren Sie das Ergebnis als Text für die nächste Runde – so wird aus dem Workshop ein Protokoll, das man weiterreichen kann.

Probieren Sie es aus

Nehmen Sie sich diese Woche dreissig Minuten und Ihre eigene Ideenliste. Öffnen Sie das Tool, tragen Sie fünf bis acht Use-Cases ein und bewerten Sie sie ehrlich – gerne grob, gerne unperfekt. Achten Sie besonders auf die roten Hinweise: Ein einziger ungeklärter Datenblocker ist wichtiger als jeder schöne Durchschnitt.

Danach wählen Sie genau einen Quick Win und setzen ihn zuerst um. Ein kleiner, sichtbarer Erfolg überzeugt die Zweifelnden mehr als die längste Ideenliste. Priorisieren heisst nicht, das meiste zu tun – es heisst, das Richtige zuerst zu tun.

Quellen

  1. KI-Studie 2026Colombus Consulting, Oracle und Haute école de gestion Genève (cmm360.ch), https://www.cmm360.ch/artikel/ch-unternehmen-kommen-bei-ki-kaum-ueber-pilotprojekte-hinaus/