Kultur und KI: Welche Organisationskultur den KI-Einsatz trägt – und wie sich beide verändern
Dr. Harry Witzthum
Co-Studienleitung CAS KI-Transformation · Aktualisiert am 19.08.2026
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Warum die Kultur über den KI-Erfolg entscheidet, was die vier Kulturtypen des Competing Values Framework für die Zusammenarbeit mit KI bedeuten – und wie Sie Ihre eigene Organisation in wenigen Minuten verorten.
Ein neues KI-Werkzeug ist schnell eingekauft. Eine Lizenz, ein Pilotprojekt, eine Handvoll begeisterter Freiwilliger – und dann versickert die Sache, sobald der erste Alltag dazwischenkommt. Woran das liegt, wird meist im Werkzeug gesucht: zu kompliziert, zu ungenau, noch nicht ausgereift. Der eigentliche Grund sitzt eine Ebene tiefer.
Nicht die Technologie entscheidet darüber, ob KI in einer Organisation Fuss fasst, sondern die Kultur, die sie empfängt. Und diese Kultur lässt sich beschreiben. Kim Cameron und Robert Quinn haben dafür ein Modell vorgelegt, das vier Grundtypen unterscheidet – das Competing Values Framework.1 Dieser Text zeigt, was die vier Typen für den KI-Einsatz bedeuten, warum agile Formen ihn erleichtern und wo auch die ordnungsliebende Kultur unverzichtbar bleibt. Sie können Ihre eigene Organisation heute einschätzen, ganz ohne Kurs.
Was ist das Competing Values Framework?
«Das Competing Values Framework ordnet Organisationskulturen entlang zweier Spannungen – Flexibilität gegen Stabilität und Innenfokus gegen Aussenfokus – und beschreibt daraus vier Grundtypen: Clan, Adhocracy, Market und Hierarchy.»
Zwei Elemente dieses Modells sind entscheidend. Erstens die Herkunft: Es geht auf eine Untersuchung von Robert Quinn und John Rohrbaugh aus dem Jahr 1983 zurück und wurde später von Cameron und Quinn zum verbreiteten Diagnosewerkzeug OCAI ausgebaut.12 Dahinter stehen vierzig Jahre Forschung.
Zweitens die Logik der zwei Achsen. Die eine fragt, ob eine Organisation eher auf Flexibilität und Ermessen setzt oder auf Stabilität und Kontrolle. Die andere fragt, ob ihr Blick nach innen geht – auf Zusammenhalt und Abläufe – oder nach aussen, auf Markt und Wettbewerb. Kreuzt man beide, entstehen vier Felder. Keine Organisation ist nur eines davon. Jede trägt alle vier in unterschiedlicher Mischung, und diese Mischung macht den Unterschied, wenn KI ins Haus kommt.
Die vier Kulturtypen – und was jeder für die KI bedeutet
Die vier Typen unterscheiden sich nicht darin, ob sie KI nutzen, sondern darin, wie sie ihr begegnen. Am deutlichsten wird das an einem Beispiel, das sich auf fast jede Branche übertragen lässt: ein Beratungs- und Treuhandbüro mit 60 Mitarbeitenden, das erste KI-Agenten in die Offertstellung und die Dossierbearbeitung bringen will. Dieselbe Einführung trifft in jedem Kulturfeld auf eine andere Reaktion.
Clan-Kultur – die Kultur der Zusammenarbeit
Der Clan blickt nach innen und setzt auf Flexibilität. Er funktioniert wie eine grosse Familie: Vertrauen, Mentoring, gemeinsame Entwicklung. Eine solche Kultur nimmt die KI gut auf, sobald sie gemeinsam erprobt wird – im Team, mit Zeit zum Reden.
Die Gefahr liegt in der Harmonie. Was Unruhe stiftet, wird höflich ausgesessen. Und ein Werkzeug, das Rollen verschiebt, stiftet Unruhe. Die Kompetenz hier ist es, die Einführung zur gemeinsamen Sache zu machen.
Die Prüffrage: Wird bei uns eine neue KI gemeinsam erprobt und besprochen – oder erhält sie einfach, wer sich nicht wehrt?
Adhocracy-Kultur – die Kultur des Aufbruchs
Die Adhocracy blickt nach aussen und bleibt beweglich. Sie lebt von Experiment, Risiko und dem nächsten neuen Ding – der natürliche Verbündete jeder KI-Einführung. Hier sitzen die Leute, die den ersten Agenten schon gebaut haben, bevor jemand danach gefragt hat.
Ihr Risiko ist der Wildwuchs: viele Piloten, wenig davon im Alltag, und eine wachsende Schatten-KI, die niemand mehr überblickt. Die Kompetenz ist es, die Neugier zu nutzen und ihr trotzdem einen Rahmen zu geben.
Die Prüffrage: Dürfen Mitarbeitende bei uns Werkzeuge ausprobieren, bevor alles freigegeben ist – und wissen wir hinterher, was dabei entstanden ist?
Market-Kultur – die Kultur des Wettbewerbs
Der Market blickt nach aussen und schätzt Stabilität. Es zählt das Ergebnis: Kennzahlen, Tempo, Kundennutzen. Eine solche Kultur führt KI schnell ein, sobald sie einen messbaren Vorteil zeigt – und lässt sie ebenso schnell fallen, wenn der Nutzen ausbleibt.
Das Risiko ist die Enge des Messbaren. Der explorative Wert, der sich erst nach Monaten zeigt, hat es hier schwer. Und der Druck auf die Menschen kann steigen.
Die Prüffrage: Setzen wir KI dort ein, wo sie ein messbares Ergebnis verbessert – oder überall dort, wo sie glänzt?
Hierarchy-Kultur – die Kultur der Steuerung
Die Hierarchy blickt nach innen und sucht Stabilität. Sie steht für Verlässlichkeit, klare Abläufe, Nachvollziehbarkeit. Sie ist die langsamste beim Experimentieren – und die unverzichtbarste, wenn es ernst wird.
Im Treuhandbüro gehen sensible Personendaten durch den Agenten. Welche Daten in welches System dürfen, ist dann keine Bürokratie, sondern die Bedingung, unter der KI überhaupt verantwortbar wird. Was von aussen nach Bremse aussieht, sichert den Einsatz.
Die Prüffrage: Haben wir klare Regeln, welche Daten in welches KI-System dürfen – und hält sich jemand dafür zuständig?
Man erkennt schnell: Die beiden flexiblen Felder – Clan und Adhocracy – senken die Schwelle zum Ausprobieren, und darum befördern agile Formen den KI-Einsatz. Aber sie sichern ihn nicht. Was ein Experiment in den Alltag trägt, kommt aus den stabilen Feldern: aus der Ergebnisorientierung des Marktes und der Verlässlichkeit der Hierarchie. Nicht ein einzelner Typ trägt die KI-Transformation, sondern ihr Zusammenspiel.
«Dann müssen wir also alle zu Adhocracy werden»
Stimmt – so klingt die Botschaft, und so ist sie falsch. Keiner der vier Typen ist der richtige, und kein Modell verlangt, den eigenen umzubauen. Eine reine Kultur des Aufbruchs probiert viel aus und verliert dabei leicht die Kontrolle darüber, wohin die Unternehmensdaten fliessen. Eine disziplinierte Kultur der Steuerung skaliert eine bewährte Anwendung oft zuverlässiger als ein kreatives Durcheinander. Ob man die Felder «Clan» oder «Zusammenarbeit» nennt, ist zweitrangig.
Zwei Grenzen gehören offen genannt. Die erste ist die des Modells: Es ruht auf einer Selbsteinschätzung und liefert eine Momentaufnahme – mehr nicht. Auch in der Forschung wird das OCAI für seine Vereinfachung kritisiert. Es ist eine Landkarte, und eine Landkarte ist nie das Gelände. Die zweite Grenze ist die Steuerbarkeit: Kultur ändert sich nicht auf Ansage. Wer sie per Weisung «agiler» machen will, erntet meist nur die Fassade davon.
Und die Wirkung läuft in beide Richtungen. Wer KI erfolgreich einsetzt, verändert damit auch die Kultur: Rollen verschieben sich, Entscheidungen werden datengestützter, die Grenze zwischen Ausführen und Beurteilen wandert. Kultur ist hier nicht nur Voraussetzung, sondern auch Ergebnis. Die Werkzeuge ändern sich schnell; die kulturelle Frage, die sie stellen, bleibt.
So verorten Sie Ihre Organisation: der Kultur-Radar
So abstrakt die vier Felder klingen, so konkret lassen sie sich sichtbar machen. Der Kultur-Radar nimmt die sechs Dimensionen, mit denen Cameron und Quinn eine Kultur beschreiben – von der Führung über den Zusammenhalt bis zu den Erfolgskriterien –, übersetzt sie in die Frage nach dem KI-Einsatz und zeichnet daraus ein Profil. Es erscheint im selben Spinnennetz, das auch das OCAI verwendet. Sie sehen auf einen Blick, welches Feld Ihre Organisation heute prägt und wo die Lücke zu dem Feld liegt, das Ihre nächste KI-Einführung bräuchte.
Probieren Sie es aus
Nehmen Sie sich zwanzig Minuten und den Kultur-Radar. Denken Sie an Ihre Organisation, wie sie heute wirklich ist – nicht, wie sie im Leitbild steht – und schätzen Sie die sechs Dimensionen ehrlich ein. Sehen Sie sich dann das Profil an und suchen Sie die eine Lücke, die Ihrer nächsten KI-Einführung am meisten im Weg steht: zu wenig Zusammenhalt, zu wenig Mut, zu wenig Ergebnisdruck oder zu wenig Ordnung.
Das ist keine grosse Übung, und sie muss nicht perfekt sein; ein erstes Bauchgefühl genügt. Aber sie dreht den Blick von der Technik auf den Boden, auf dem sie wachsen soll. Die Werkzeuge werden sich weiter ändern; die Kultur, die sie trägt, gestalten Sie selbst.
Quellen
- Diagnosing and Changing Organizational Culture: Based on the Competing Values Framework — Kim S. Cameron und Robert E. Quinn (OCAI Online), https://www.ocai-online.com/
- A Spatial Model of Effectiveness Criteria: Towards a Competing Values Approach to Organizational Analysis — Management Science 29(3) (Quinn & Rohrbaugh, 1983), https://doi.org/10.1287/mnsc.29.3.363