IKF – Institut für Kommunikation & Führung

Coaching als Führungsmethode: Wer fragt, der führt – und warum das wirkt

Porträt von Prof. Dr. Dietmar Treichel

Prof. Dr. Dietmar Treichel

Studienleitung CAS Personal Leadership, Co-Leitung IKF · Aktualisiert am 18.08.2026

Führungskräfte, die auf jede Frage eine Antwort haben, waren lange das Ideal. Heute funktioniert dieses Modell immer seltener: In einer Arbeitswelt, die sich schnell und unvorhersehbar verändert, kann niemand mehr alle Antworten haben – die Harvard Business Review nennt Command-and-Control-Führung deshalb schlicht «nicht mehr tragfähig».1 An ihre Stelle tritt ein anderes Gesprächsverhalten: Führungskräfte, die coachen statt anweisen – die Fragen stellen, statt Lösungen vorzugeben, und so die Ressourcen ihrer Mitarbeitenden aktivieren.

Wie gross der Handlungsspielraum ist, zeigt eine Gallup-Zahl: Nur 26 Prozent der Mitarbeitenden sagen, das Feedback, das sie erhalten, helfe ihnen, bessere Arbeit zu leisten.2 Dieser Artikel beschreibt, was Coaching als Führungsmethode konkret bedeutet, was die Forschung über ihre Wirkung weiss, wie lösungsorientierte Fragen und das GROW-Modell im Alltag funktionieren – und wo die Grenzen der Methode liegen.

Was heisst «Coaching als Führungsmethode»?

Gemeint ist nicht, dass Führungskräfte zu Therapeuten werden oder externe Coaching-Mandate übernehmen. Gemeint ist eine Haltung im Führungsgespräch: Die Führungskraft geht davon aus, dass die Person vor ihr die Lösung für ihr Problem selbst entwickeln kann – und hilft ihr mit Fragen, Zuhören und Struktur dabei, es zu tun. Statt «Machen Sie es so» heisst es: «Was haben Sie schon versucht? Was wäre aus Ihrer Sicht ein gutes Ergebnis?»

Der Unterschied zur klassischen Anweisung ist grundsätzlicher, als er zunächst wirkt. Wer Lösungen vorgibt, macht Mitarbeitende von den eigenen Antworten abhängig – und sich selbst zum Engpass. Wer coacht, baut Urteilsfähigkeit und Selbstvertrauen im Team auf. Ibarra und Scoular beschreiben in der Harvard Business Review, dass gerade Unternehmen im schnellen Wandel auf diesen Effekt angewiesen sind: Coaching-orientierte Führung setzt «Innovation, Energie und Engagement» frei, die Anweisungen nicht erzeugen können.1

Was die Forschung zeigt

Coaching ist eine der am besten untersuchten Entwicklungsmethoden im Arbeitskontext. Eine Meta-Analyse von Theeboom, Beersma und van Vianen wertete die vorliegenden Studien zu Coaching in Organisationen aus und fand signifikante positive Effekte auf sämtliche untersuchten Ergebnisgrössen – von Leistung und Fähigkeiten über Wohlbefinden und Bewältigungsstrategien bis zur zielgerichteten Selbststeuerung, dem stärksten Effekt der Untersuchung.3

Für Führungskräfte besonders interessant ist ein Befund der Meta-Analyse von Jones, Woods und Guillaume: Coaching wirkte in den untersuchten Studien stärker, wenn es von internen Coaches durchgeführt wurde statt von externen.4 Die Menschen, die das Umfeld, die Aufgaben und die Beteiligten kennen, sind demnach keine Notlösung, sondern besonders wirksam – ein starkes Argument dafür, Coaching-Kompetenz direkt in der Führungsrolle aufzubauen, statt sie auszulagern.

Dass hier tatsächlich eine Kompetenz vorliegt und kein Talent, zeigt Gallup: Nur etwa zwei von zehn Führungskräften verstehen intuitiv, wie sie Mitarbeitende über alltägliche Gespräche engagieren, ihre Stärken entwickeln und klare Erwartungen setzen. Die übrigen können es lernen.2

Wer fragt, der führt: lösungsorientierte Fragen

Nicht jede Frage coacht. Die Forschung unterscheidet problemfokussierte Fragen («Warum ist das passiert? Wer war beteiligt?») von lösungsorientierten Fragen («Wie sieht ein gutes Ergebnis aus? Was funktioniert bereits? Was wäre ein erster Schritt?»). In experimentellen Studien schnitten lösungsorientierte Fragen wiederholt besser ab: Sie erzeugten mehr positiven Affekt, weniger negative Emotionen und eine stärkere Ausrichtung auf das Ziel; in einer randomisierten Untersuchung führten sie zudem zu mehr konkreten Handlungsschritten.5

Warum Fragen überhaupt stärker motivieren als Anweisungen, erklärt die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan: Menschen entwickeln die tragfähigste Form von Motivation, wenn sie Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit erleben – mit messbaren Folgen für Leistung, Ausdauer und Kreativität.7 Eine gute Frage überträgt die Autorschaft der Lösung an die befragte Person; eine Anweisung behält sie bei der Führungskraft. «Wer fragt, der führt» ist deshalb kein rhetorischer Trick, sondern angewandte Motivationspsychologie.

Das GROW-Modell: Struktur für das Coaching-Gespräch

Das bekannteste Gerüst für coachende Führungsgespräche stammt von Sir John Whitmore und Kollegen: das GROW-Modell, entwickelt Ende der 1980er-Jahre und weltweit verbreitet durch das Buch «Coaching for Performance».6 Es gliedert das Gespräch in vier Phasen:

  • Goal: Was wollen Sie erreichen? Das Ziel des Gesprächs und des Vorhabens klären.
  • Reality: Wo stehen Sie heute? Die aktuelle Situation nüchtern erfassen – ohne Schuldfragen.
  • Options: Welche Möglichkeiten gibt es? Handlungsoptionen entwickeln, bevor bewertet wird.
  • Will: Was werden Sie konkret tun? Verbindliche nächste Schritte vereinbaren.

Whitmore selbst hat davor gewarnt, das Modell mechanisch abzuarbeiten: GROW entfaltet seine Wirkung erst zusammen mit echten Coaching-Fähigkeiten – aktivem Zuhören, offenen Fragen und dem Vertrauen, dass die Lösung beim Gegenüber entstehen darf.6 Die Struktur ersetzt die Haltung nicht; sie macht sie im Alltag anwendbar.

Grenzen und typische Fehler

Coaching ist eine Führungsmethode unter mehreren – kein Ersatz für alle anderen. Drei Punkte helfen, sie richtig einzusetzen:

  1. Nicht jede Situation verträgt Fragen. Bei akuten Krisen, Sicherheitsfragen oder klaren fachlichen Wissenslücken ist eine direkte Ansage schneller und fairer. Wirksame Führung wählt die Methode nach Situation und Person – coachen, delegieren, anleiten oder entscheiden.
  2. Scheinfragen sind keine Fragen. «Meinen Sie nicht auch, dass …?» ist eine Anweisung mit Fragezeichen. Wer die Antwort schon kennt und sie nur bestätigt haben will, untergräbt das Vertrauen, das Coaching aufbauen soll.
  3. Coaching braucht Regelmässigkeit, nicht Länge. Wirkung entsteht nicht im Jahresgespräch, sondern in kurzen, wiederkehrenden Gesprächen über konkrete Arbeit – dort, wo laut Gallup heute die grösste Lücke liegt.2

Coaching lernen heisst üben

Lösungsorientierte Fragen, GROW und die dazugehörige Haltung sind beschreibbar – aber sie werden erst durch Übung mit echtem Feedback zur Kompetenz. Genau darauf ist der berufsbegleitende CAS Personal Leadership des IKF Institut für Kommunikation & Führung in Luzern ausgelegt: Am Kurstag «Coaching als Leadership-Methode» (31. Oktober 2026) trainieren Sie mit Flavian Angst lösungsorientierte Fragetechniken, die über Werte und Ressourcen die intrinsische Motivation aktivieren. Der Kurstag «Agiles & situatives Leadership» vertieft das Führungscoaching im Zusammenspiel mit Delegation, Partizipation und Feedback – und weil Sie im Kurs selbst durch individuelle Coachings begleitet werden, erleben Sie die Methode auch aus der Perspektive des Gegenübers.

Quellen

  1. The Leader as CoachHarvard Business Review (Ibarra & Scoular, Nov.–Dez. 2019), https://hbr.org/2019/11/the-leader-as-coach
  2. Give Up Bossing, Take Up Coaching: You'll Like the ResultsGallup, https://www.gallup.com/workplace/282647/give-bossing-coaching-results.aspx
  3. Does coaching work? A meta-analysis on the effects of coaching on individual level outcomes in an organizational contextThe Journal of Positive Psychology (Theeboom, Beersma & van Vianen, 2014), https://research.vu.nl/en/publications/does-coaching-work-a-meta-analysis-on-the-effects-of-coaching-on-
  4. The effectiveness of workplace coaching: A meta-analysis of learning and performance outcomes from coachingJournal of Occupational and Organizational Psychology (Jones, Woods & Guillaume, 2016), https://research.aston.ac.uk/en/publications/the-effectiveness-of-workplace-coaching-a-meta-analysis-of-learni/
  5. Simply effective? The differential effects of solution-focused and problem-focused coaching questions in a self-coaching writing exerciseFrontiers in Psychology (Solms et al., 2022), https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2022.895439/full
  6. The GROW ModelPerformance Consultants International (Sir John Whitmore), https://www.performanceconsultants.com/resources/the-grow-model/
  7. Self-Determination Theory: Theory OverviewCenter for Self-Determination Theory (Deci & Ryan), https://selfdeterminationtheory.org/theory/