Warum ist Resilienz die Vorstufe zu echter Führungsstärke – und nicht schon das Ziel?
Prof. Dr. Dietmar Treichel
Studienleitung CAS Personal Leadership, Co-Leitung IKF · Aktualisiert am 21.08.2026
Resilienz ist keine Sackgasse, sondern das Fundament, auf dem echte Stärke erst entsteht. Wer stabil durch Krisen kommt, hat die Voraussetzung geschaffen, um beim nächsten Schritt aus Störung sogar Kraft zu ziehen. Die eigentliche Führungsaufgabe beginnt dort, wo Resilienz an ihre Grenze stösst: bei der Fähigkeit, dieses Fundament zu nutzen, um daran zu wachsen.
Die Resilienzforschung zeigt, was dieses Fundament leistet: Fletcher und Sarkar definierten psychologische Resilienz in einer vielzitierten Studie mit Olympiasiegerinnen und -siegern als die Fähigkeit mentaler Prozesse und Verhaltensweisen, persönliche Ressourcen aufzubauen und negative Effekte von Stressoren abzufedern.1 Sie unterschieden dabei zwischen «robuster» Resilienz, die Leistung unter Druck aufrechterhält, und «Rebound»-Resilienz, die nach einem Einbruch zur Ausgangsleistung zurückführt.2 Beide Formen sichern denselben Punkt: Handlungsfähigkeit bleibt erhalten, wenn Druck entsteht – eine Leistung, ohne die kein weiterer Entwicklungsschritt möglich wäre.
Die naheliegende Reaktion vieler Organisationen: bei Resilienztraining stehen bleiben, weil Stabilität bereits als Ziel gilt. Das lässt Potenzial ungenutzt. Resilienzforscher weisen selbst darauf hin, dass der Begriff stark kontextabhängig ist und sich Befunde kaum verallgemeinern lassen.3 Wer Resilienz konsequent weiterentwickelt, wird nicht nur gewappnet, sondern kann aus Störung lernen – vorausgesetzt, das Fundament wird aktiv genutzt statt nur verwaltet.
Genau hier setzt Nassim Talebs Konzept der Antifragilität an, als konsequente Weiterführung.4 Seine Unterscheidung: Fragile Systeme brechen unter Störung, robuste bleiben unverändert, antifragile werden durch massvolle Störung besser – wie ein Muskel, der erst durch Belastung wächst. Meine These: Führungsteams, die auf einer resilienten Basis gezielt kontrollierte Störungen einbauen, entwickeln über Zeit echte Stärke statt blosser Durchhaltefähigkeit. Eine Einschränkung: Bei sicherheitskritischen Entscheidungen, wo ein Fehler irreversibel ist, bleibt die resiliente Stufe – Robustheit – das richtige Ziel; Antifragilität passt zu lernfähigen, nicht zu einmaligen Situationen.
Konkret heisst das: Baut auf eurer bestehenden Resilienz eine Barbell-Struktur auf – benannt nach Talebs Strategie, Sicherheit und Wagnis bewusst zu trennen statt sie zu vermischen. Auf der einen Seite die bewährte Absicherung kritischer Prozesse, auf der anderen Seite bewusst kleine, ungefährliche Störungen – ein spontan gewechseltes Meeting-Format, eine Entscheidung ohne die übliche Vorbereitungszeit, ein Projekt mit knapper Ressource. Für die Standortbestimmung im Team habe ich eine kurze Prüfkarte zusammengestellt: zur interaktiven Prüfkarte ↓. Sie hilft, den eigenen Resilienz-Stand zu klären und darauf aufbauende Wachstumsstörungen von blossem Risiko zu unterscheiden.
Denkaufgabe für diese Woche: Sucht eine Entscheidung in eurem Team, bei der eure vorhandene Resilienz bereits stabil genug ist, um bewusst eine kleine, kontrollierte Störung zu wagen.
Quellen
- A grounded theory of psychological resilience in Olympic champions — Psychology of Sport and Exercise 13 (Fletcher & Sarkar, 2012), https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2012.04.007
- Psychological resilience: A review and critique of definitions, concepts, and theory — European Psychologist 18(1) (Fletcher & Sarkar, 2013), https://doi.org/10.1027/1016-9040/a000124
- Are we really studying resilience in sport? A critical review of adopted methodologies — Frontiers in Psychology (2023), https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2023.1270887/full
- Antifragile: Things That Gain from Disorder — Random House (Taleb, 2012), https://www.penguinrandomhouse.com/books/176227/antifragile-by-nassim-nicholas-taleb/