IKF – Institut für Kommunikation & Führung

Stärkenorientiert führen: Warum «Stärken statt Schwächen» messbar bessere Ergebnisse bringt

Porträt von Prof. Dr. Dietmar Treichel

Prof. Dr. Dietmar Treichel

Studienleitung CAS Personal Leadership, Co-Leitung IKF · Aktualisiert am 24.08.2026

Die meisten Feedback- und Entwicklungsgespräche folgen demselben Muster: Man würdigt kurz, was gut läuft – und verbringt dann die meiste Zeit mit den Defiziten. Das fühlt sich gründlich an, ist aber kontraproduktiv. Schon 2002 befragte der Corporate Leadership Council rund 19 000 Führungskräfte und Mitarbeitende und fand ein bemerkenswertes Ergebnis: Legten Vorgesetzte den Schwerpunkt im Leistungsgespräch auf Stärken, stieg die individuelle Leistung um 36,4 Prozent. Lag der Schwerpunkt auf Schwächen, sank sie um 26,8 Prozent.1 Dieselbe Absicht – bessere Leistung – führt je nach Fokus in entgegengesetzte Richtungen.

Dieser Artikel erklärt, was stärkenorientierte Führung bedeutet, was die Forschung von Gallup bis zur Positiven Psychologie dazu weiss, wie das PERMA-Modell den Ansatz in ein Führungsmodell übersetzt – und wie der Einstieg im Alltag gelingt.

Was heisst stärkenorientiert führen?

Stärkenorientierte Führung bedeutet nicht, Schwächen zu ignorieren. Sie bedeutet, die Entwicklungsenergie dort zu investieren, wo sie am meisten bewirkt: Schwächen werden so weit gemanagt, dass sie nicht schaden – Stärken werden gezielt ausgebaut, weil dort überdurchschnittliche Leistung entsteht. Der Unterschied zeigt sich messbar im Engagement: Gallup zufolge sind 67 Prozent der Mitarbeitenden engagiert, wenn ihre Führungskraft auf ihre Stärken fokussiert – konzentriert sie sich auf Schwächen, sind es 2 Prozent.2

Der Effekt bleibt nicht beim Gefühl. In einer Gallup-Meta-Studie über 49 495 Organisationseinheiten mit 1,2 Millionen Beschäftigten erzielten 90 Prozent der Teams, die stärkenbasierte Interventionen einsetzten, messbare Verbesserungen: 10 bis 19 Prozent mehr Umsatz, 14 bis 29 Prozent mehr Gewinn, 9 bis 15 Prozent mehr engagierte Mitarbeitende und deutlich tiefere Fluktuation.2 Mitarbeitende, die ihre Stärken kennen und täglich einsetzen, sind sechsmal häufiger engagiert und produktiver in ihrer Rolle.3

Positive Leadership: das PERMA-Modell als Führungsansatz

Den wissenschaftlichen Rahmen für stärkenorientierte Führung liefert die Positive Psychologie. Martin Seligman beschreibt mit dem PERMA-Modell fünf Elemente, aus denen Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit entstehen:4

  • Positive Emotions: positive Emotionen erleben und ermöglichen,
  • Engagement: Aufgaben, die Stärken fordern und Flow erzeugen,
  • Relationships: tragfähige Beziehungen als Fundament von Wohlbefinden,
  • Meaning: einem grösseren Ganzen dienen und Sinn erleben,
  • Accomplishment: Kompetenz, Erfolg und Zielerreichung sichtbar machen.

Für die Führungspraxis wurde daraus im deutschsprachigen Raum «PERMA-Lead» entwickelt: Der Wiener Wirtschaftspsychologe Markus Ebner untersuchte mit rund 2500 Führungskräften, wie sich dieser Führungsstil auswirkt – die Ergebnisse zeigen unter anderem einen nahezu linearen Zusammenhang zwischen PERMA-orientierter Führung und der Resilienz der Führungskraft sowie geringere Stressbelastung im Team; auch Zusammenhänge mit Geschäftskennzahlen wurden gefunden, wobei Ebner betont, dass es sich um Korrelationen handelt.5 Ganz ähnlich beschreibt Kim Cameron von der University of Michigan Positive Leadership über vier Strategien: ein positives Klima, positive Beziehungen, positive Kommunikation und positive Sinngebung.6

Warum Stärkenfokus wirkt: die Broaden-and-Build-Theorie

Dass der Blick auf Stärken und Gelingendes mehr ist als Wohlfühlrhetorik, erklärt die Emotionsforschung. Barbara Fredricksons Broaden-and-Build-Theorie zeigt: Negative Emotionen verengen Wahrnehmung und Handlungsspielraum – nützlich in akuter Gefahr, hinderlich bei komplexen Aufgaben. Positive Emotionen erweitern dagegen das Denk- und Handlungsrepertoire und bauen dauerhafte persönliche Ressourcen auf, von Kreativität bis Widerstandskraft.7 Wer als Führungskraft Stärken sichtbar macht und Erfolgserlebnisse ermöglicht, erzeugt genau die Bedingungen, unter denen Menschen lernfähig, belastbar und innovativ bleiben – die Grundlage von Resilienz in anspruchsvollen Zeiten.

Der Einstieg im Führungsalltag

  1. Stärken erkennen: Beobachten Sie, bei welchen Aufgaben jemand Energie gewinnt statt verliert – und fragen Sie danach: «Was ist Ihnen zuletzt richtig gut gelungen? Was genau war Ihr Beitrag?»
  2. Stärken zurückspiegeln: Konkretes, stärkenbezogenes Feedback wirkt stärker als generelles Lob – benennen Sie die Stärke und die Situation, in der sie sichtbar wurde.
  3. Aufgaben entlang der Stärken verteilen: Nicht jede Aufgabe lässt sich frei zuteilen – aber öfter, als Stellenbeschreibungen vermuten lassen.
  4. Schwächen managen statt therapieren: Tandems, Prozesse oder Werkzeuge fangen Schwächen oft wirksamer auf als jahrelange Defizit-Entwicklungspläne.
  5. Bei sich selbst beginnen: Wer die eigenen Stärken nicht kennt, kann fremde schwer entwickeln – stärkenorientierte Selbstführung ist die Voraussetzung für stärkenorientierte Führung.

Für den fünften Punkt – bei sich selbst beginnen – habe ich ein kurzes Self-Assessment zusammengestellt: zum interaktiven Self-Assessment ↓. Es prüft mit sieben Fragen, ob eine Ihrer Stärken gerade zur Bremse wird statt zum Antrieb – denn auch Stärken kippen, wenn sie überdehnt werden.

Stärkenorientierung lernen – am eigenen Fall

Der letzte Punkt ist der Kern des berufsbegleitenden CAS Personal Leadership am IKF Institut für Kommunikation & Führung in Luzern: Der Themenblock «Stärkenorientierte Selbstführung» beginnt am 26. September 2026 mit «Positive Leadership als Zukunftskompetenz» – wertebasierte Führung mit dem PERMA-Modell bei Psychologe und Management-Trainer Gabriel Wüst – und vertieft am selben Tag Resilienz als Stabilisierung, Erneuerung und Potenzialentfaltung. Am 2. Oktober folgt «Führen mit Hirn»: die neurobiologischen Grundlagen, mit denen Sie positive Energie und Erfolgserlebnisse bei sich und anderen erzeugen. Schon am Kick-off formulieren Sie auf der Basis Ihrer Persönlichkeit und Stärken Ihr eigenes «Mottoziel» – damit die Stärkenorientierung nicht Theorie bleibt, sondern bei Ihnen selbst beginnt.

Quellen

  1. Building the High-Performance Workforce: A Quantitative Analysis of the Effectiveness of Performance Management StrategiesCorporate Leadership Council (2002), https://marble-arch-online-courses.s3.amazonaws.com/CLC_Building_the_High_Performance_Workforce_A_Quantitative_Analysis_of_the_Effectiveness_of_Performance_Management_Strategies1.pdf
  2. Strengths-Based Employee Development: The Business ResultsGallup, https://www.gallup.com/workplace/236297/strengths-based-employee-development-business-results.aspx
  3. How Do You Say 'Success' in Strengths?Gallup, https://www.gallup.com/cliftonstrengths/en/320447/say-success-strengths.aspx
  4. PERMA™ Theory of Well-BeingPositive Psychology Center, University of Pennsylvania, https://ppc.sas.upenn.edu/learn-more/perma-theory-well-being-and-perma-workshops
  5. Positive Leadership – Wie Sie Wohlbefinden und Leistung verbinden (Interview mit Markus Ebner)Wirtschaftspsychologie aktuell, https://wirtschaftspsychologie-aktuell.de/magazin/interview/positive-leadership-wie-sie-wohlbefinden-und-leistung-verbinden/
  6. Leading Positively – Strategies for Extraordinary PerformanceCenter for Positive Organizations, University of Michigan (Cameron & Wooten), https://positiveorgs.bus.umich.edu/wp-content/uploads/Glance-Leading-Positively.pdf
  7. The Role of Positive Emotions in Positive Psychology: The Broaden-and-Build Theory of Positive EmotionsAmerican Psychologist 56(3) (Fredrickson, 2001), https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3122271/